
Dieser Tag begrüßte uns mit wechselhaftem Wetter. In der Nacht hatte es stark geregnet und überall stand noch das Wasser. Wir fuhren zunächst zum Dorf Noratus auf der gleichnamigen Halbinsel. Dort kann man auf dem Friedhof Hunderte der typischen armenischen Kreuzsteine besichtigen. Allerdings gibt es auch auf dem neuen Teil des Friedhofs einige interessant gestaltete Grabsteine zu sehen. Als wir aus dem Bus stiegen, kamen gleich ein paar Frauen aus dem Dorf und breiteten ihre selbst gefertigten Handarbeiten vor uns aus. Einige von uns kauften Kindersachen, um sie ein paar Tage später in einem besonders armen Dorf weiterzugeben. Wir erstanden für Hermann ein Paar schöne warme Handschuhe. Auch hier war wieder die Unaufdringlichkeit der Leute zu beobachten - sie liefen nicht hinter einem her, sondern boten einfach - wie auf einem Markt - ihre Ware an. Schon gar nicht kamen sie auf die Idee, zu betteln. Überhaupt sieht man Bettler in Armenien nur äußerst selten. Meist bemühen sich die Leute, irgendetwas zu verkaufen (und wenn es das "Familiensilber" ist), bevor sie sich einfach so hinsetzen und die Hand aufhalten. Lediglich sehr wenige alte Leute, die vermutlich alleinstehend und zu krank für handwerkliche Tätigkeiten sind, sitzen meist vor den Klöstern oder anderen Sehenswürdigkeiten. Dies ist bei der großen Armut im Land überraschend. Wir hatten allerdings insgesamt den Eindruck, dass die wirklich armen Menschen ihre Armut am liebsten verbergen. Dies konnte man nicht zuletzt am Aussehen der Patenkinder und ihrer Familien sehen. Nach dem äußeren Schein zu urteilen würde man nicht glauben, dass diese Familien wirklich arm sind - sie stellen dies nicht zur Schau, sondern verstecken es so gut wie möglich, auch vor uns als Paten, obwohl ihnen natürlich klar sein muss, dass wir um ihre Armut wissen.


Neueres Grab in altem Stil

Neuere Gäber mit Kreuzsteinen

Auch Büsten...

... und Statuen sind zu sehen

Gagik reinigt die Busfenster, deren Durchsichtigkeit
durch das wechselhafte Wetter und die nicht immer
befestigten Straßen sehr gelitten
hatte - die
eigentliche "Spezialaufgabe" an diesem Tag stand ihm jedoch noch bevor!
Vor Noratus fuhren wir weiter Richtung Süden und erreichten die Gegend um den Selimpass (2410m hoch), über den eine Route der Seidenstraße führte. Der Himmel hatte sich inzwischen zugezogen, schwarze Wolken hingen tief über uns, es fiel immer wieder Regen (was Gagiks Arbeit von vorher fast schon wieder zunichte machte) und war kühl und windig. Aber gerade solches Wetter in dieser ohnehin unwirtlichen Umgebung zeigte uns eindrücklich, welchen Bedingungen die Reisenden damals ausgesetzt gewesen sein müssen - und sie hatten keinen beheizten Reisebus mit Toilette und reichlich Wasservorrat im Kühlschrank, sondern mussten sich mit Lasttieren und zu Fuß durch die Landschaft quälen. Auch die Karawansereien, die die Reisenden und ihre Tiere aufnahmen, boten kaum Schutz, da man dort immer nur für eine Nacht und bei einfachsten Bedingungen bleiben konnte.


LKWs aus dem Iran; sie dürfen problemlos nach Armenien kommen, während es armenischen LKWs
nicht erlaubt ist, in den Iran zu fahren; da die
Armenier jedoch auf die Transporte angewiesen sind,
nimmt man diese einseitige Regelung zähneknirschend in Kauf; die Frage ist natürlich, was der
Iran
damit bezweckt - ist es nur wirtschaftlicher Protektionismus oder Angst vor christlicher "Missionierung"?


"Sommerhäuser" der Hirten, die während der warmen Jahreszeit ihre Herden auf die Berge treiben

Die Gegend um die frühere Seidenstraße




Die Selim-Karawanserei

Die heutige Straße...

... und Reste des alten Weges
Wir waren gerade wieder auf halbwegs ebenem Gelände, da gab es unter dem Bus plötzlich einen einen Knall und einen Ruck, und beim Fahren hörte es sich auf einmal so an, als würde ein Riese in Flip-Flops herumlaufen. Wir waren uns sehr schnell einig, dass dies nur eines bedeuten konnte - ein geplatzter Reifen. Natürlich hielt Gagik sofort an und schaute nach, was los war. Er kam zurück und sprach mit Nara, die uns erklärte, es lohne sich nicht, jetzt stehen zu bleiben und den Reifen zu wechseln, wir würden bis zum Restaurant weiterfahren. Gagik fuhr mit gedrosseltem Tempo wieder an (zumindest hatte er den Reifen soweit hingekriegt, dass das Riesen-Flip-Flop-Geräusch weg war) und wir Westler dachten vermutlich alle das Gleiche: dass das Restaurant in unmittelbarer Nähe liegen müsse, denn sonst würde man eine Fahrt mit einem geplatzen Reifen bei 30 Passagieren im Bus wohl kaum riskieren. In diesem Punkt hatten wir uns allerdings getäuscht. Neben mehreren Dörfern passierten wir auf dem Weg auch noch zwei oder drei Polizeistreifen, die sich allerdings für die Fahrtüchtigkeit des Busses nicht im mindesten interessierten. Nach geraumer Zeit kamen wir dann doch noch am Restaurant an. Während wir uns mal wieder die Bäuche vollschlugen, wechselte Gagik den Reifen und lehnte - ganz ein stolzer Armenier - das Hilfsangebot einiger Reiseteilnehmer konsequent ab. Jedenfalls bekam er auch so alles hin, so dass wir nach dem Essen weiterfahren konnten.


... ganz ohne Hilfe
Als nächstes stand der Vorotanpass (2344m hoch) auf dem Programm, bevor wir bei dem Steinfeld von Zorakhar anhielten, das entfernt an Stonehenge erinnerte und wohl auch als etwas ähnliches gedacht war.


Ein Stein mit Guckloch
Die folgende Station markierte schon das Ende der heutigen Etappe. Wir fuhren in die Stadt Goris, wo fast alle von uns im Hotel Mirhav Platz fanden, während vier oder fünf aus der Gruppe in einem anderen Hotel untergebracht wurden. Dies war eigentlich nicht so geplant, aber das Hotel in Sisian, das der Reiseveranstalter buchen wollte, war kurz zuvor geschlossen worden. Wir waren allerdings mit der Unterkunft mehr als zufrieden.


Diese Soldaten wurden zur Müllbekämpfung abkommandiert...

... und das scheint viel Spaß zu machen

Die Vermüllung der Landschaft ist leider ein großes Problem in Armenien - viele Leute
scheinen für die Naturschönheiten ihres
Landes nur Verachtung übrig zu haben;
dass es auch ganz anders geht, sieht man sehr drastisch in Karabach (dazu später)

Goris von oben

Das Hotel Mirhav

Ein abgekämpfter Reiseteilnehmer im Foyer

Ein Teil der Gruppe wartet aufs Abendessen

Vor dem Hotel

Hermann mit Katze im Garten

Aussicht vom Garten

Unser Zimmer - ganz im Ikea-Stil ;)


Zum Schluss dieses Tages:

Die mit 84 Jahren älteste Reiseteilnehmerin - und eine der fittesten!
Fotos von uns
©2009 Hermann-Peter Steinmüller & Dr. Barbara Strohmenger
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